Er fasst sich an den Kopf und ruft laut in die Klasse rein: „So ein Quatsch!“ – Wir lasen gerade Mt 5,44: „Liebt eure Feinde und bittet für die, die euch verfolgen.“ Ich spreche den Jugendlichen darauf an und er meint: „Wer nicht zurückschlägt, ist doch ein Weichei! Klar muss man zurückschlagen!“ – Ja, das, was Jesus hier fordert ist krass, eben „Quatsch!“. Wie kann ich denn zu solch einer Liebe fähig sein?

Dapozzo, ein Christ wog nur noch 45 kg. Sein Körper war mit Wunden bedeckt. Sein Arm war gebrochen. Es war Heilig Abend 1943 in einem deutschen Konzentrationslager. Der Lagerkommandant ruft Dapozzo zu sich. Vor ihm ein reichgedeckter Tisch. Nun berichtet Dapozzo:

„Stehend musste ich zusehen, wie er sich die Leckerbissen schmecken ließ. Da wurde ich vom Bösen versucht: „Dapozzo, glaubst du immer noch an den 23. Psalm: Du bereitest vor mir einen Tisch im Angesicht meiner Feinde, du salbtest mein Haupt mit Öl und schenkst mir voll ein […]!“ Im Stillen betete ich zu Gott und konnte dann antworten: „Ja, ich glaube daran.“ Dem Lagerkommandant wurden Kaffee und Kekse gebracht. Er aß sie mit Genuss und sagte zu mir: „Ihre Frau ist eine gute Köchin, Dapozzo!“ Ich verstand nicht, was er meinte. „Seit Jahren schickt ihre Frau Pakete mit kleinen Kuchen, die ich immer genussvoll gegessen habe.“ Wieder kämpfte ich gegen die Versuchung an. Meine Frau und meine vier Kinder hatten von ihren ohnehin kargen Notrationen Mehl, Fett und Zucker gespart, um mir etwas zukommen zu lassen. Und dieser Mann hatte die Nahrung meiner Kinder gegessen. Der Teufel flüsterte mir zu: „Hasse ihn, Dapozzo, hasse ihn!“ Wieder betete ich gegen den Hass an um Liebe. Ich bat den Kommandanten, wenigstens an einem der Kuchen riechen zu dürfen, um dabei an meine Frau und meine Kinder zu denken. Auch das durfte ich nicht.“

Nach dem Krieg macht Dapozzo sich auf die Suche nach diesem Menschen. Nach zehn Jahren steht Dapozzo seinem Peiniger wieder gegenüber: „Ich bin Nummer 17531. Erinnern Sie sich an Weihnachten 1943?“ Da bekommt der Mann plötzlich Angst: „Sie sind gekommen, um sich zu rächen?“ „Ja“, erwidert Dapozzo und öffnet ein Paket. Ein Kuchen kommt zum Vorschein. Schweigend essen sie den Kuchen miteinander. Der Kommandant beginnt zu weinen und um Verzeihung zu flehen. Dapozzo schreibt: „Ich erzählte ihm, dass ich ihm um Christi willen vergeben hätte.“ Ein Jahr später entschieden sich der Kommandant und seine Frau für ein Leben mit Jesus.
Zu dieser Liebe ist nur fähig, wer erfahren hat, wie überwältigend Gottes Liebe ist. Erst Gottes Liebe zu mir, der ich Gott immer wieder los sein will, macht mich fähig, auch meine Feinde zu lieben.